Tafeln in Gutsküchen, Parks und Scheunen

„Giersch ist nicht mein Feind, Giersch ist mein Freund!“ Nora Fischer, Gutsherrin in Ehmkendorf, räumt gründlich mit der Mähr vom vermeintlich störenden „Unkraut“ auf. Sie steht mitten im satten Grün ihres üppig wuchernden Gartens und drückt ihren Gästen große Körbe in die Hand, auf dass sie würzige Blätter und Blüten einsammeln mögen. Denn die sollen nachher gemeinsam zubereitet und auf dem alten Herd gekocht werden. „Zu Tisch bei Freunden“, so heißt das Motto, unter dem Herrenhausbesitzer ins Mecklenburger Parkland einladen, in jene Region südöstlich von Rostock, wo in fast jedem Dorf ein altes Schloss oder Gutshaus steht.

Vom barocken dreiflügeligen Landsitz mit einem giebelgekrönten Mitteltrakt und zwei eingeschossigen Kavaliershäusern rechts und links über das klassizistische Herrenhaus bis hin zum neogotischen Putzbau, neben dem noch Reste einer alten Slawenburg erhalten sind. Die Bauten hier sind so verschieden wie die Menschen, die sich nach 1989 ihrer angenommen haben. Während die einen ihre betagten Domizile benutzen, um als Selbstversorger in der Idylle der leicht hügeligen Landschaft im Herzen Mecklenburgs zu leben, haben andere ihren Besitz zum edlen Golfhotel herausgeputzt. Schloss Mitsuko ist heute als deutsch-japanisches Kulturzentrum etabliert, und im Gut des 75-Einwohner Dorfes Rensow leben mittlerweile der Kaufmann Knut Splett-Henning und seine Frau, die dänische Gräfin Christina von Ahlefeld-Laurvig, mit den Kindern und den Mietern der ausgesprochen individuell eingerichteten Ferienwohnungen. Der Hausherr war es, der im vergangenen Jahr gemeinsam mit Wolf-Christian Calsow vom Schloss Lühburg die Idee hatte, Gutsküchen, die eigentlich keine Restaurants sind, regelmäßig für Gäste zu öffnen und diese zu bekochen.

Von März bis Ende Juni lädt nun die aus Uruguay stammende Grafin Lucy von Bassewitz zum südamerikanischen Grillabend auf Dalwitz. Es gibt Veranstaltungen wie das französische Gartenfest auf Vogelsang, Käseverkostungen in der Schafscheune Vietschow oder auch mal ein Dreigang-Menü mit Schlossführung auf Burg Schlitz. Bei solchen Gelegenheiten erzählt der Gutsherr schon mal am vier Meter langen Küchentisch von dem Silberschatz aus dem 30-jährigen Krieg, den der Staatssicherheitsdienst der DDR mit einem Metalldetektor auf seinem Hof geborgen haben soll. Es gibt Spukgeschichten und Dorfklatsch – eine ganz besondere, fast familiäre Atmosphäre, „zu Tisch bei Freunden“ eben.

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Nora Fischer ist mit ihrer Kräuterwanderung bei einer Pflanze namens Beinwell angekommen. So wie den Giersch, den viele Gärtner aus ihren Beeten verbannen, obwohl er sich bestens als Leckerbissen in Suppen und Salaten verwenden lässt, betrachtet sie auch diese Staude mit großem Appetit. „Hier schlachten wir unsere Hauptmahlzeit“, verkündet sie und beginnt mit der Ernte. Brennesseln, Quittenblütten, Silbertaler, Wiesenkerbel – die Natur rund um ihr Gut ist für Nora Fischer eine üppig gedeckte Tafel. Wer sie begleitet, der lernt auf humorvolle Weise, wie man sich ihrer bedient. In der Gutsküche gibt es anschließend erst einmal einen Cocktail aus dem Saft von Äpfeln, Birnen und Weißdornbeeren. Die Teilnehmer der Kochrunde bekommen Rüschenschürzen und krumme Schälmesser, dann wird geschnippelt, gerührt und geplauert. Eine besondere Attraktion des Hauses: Zum Garen dient der hundert Jahre alte Herd, der noch aufwändig mit Holz befeuert wird. Ein seltenes Schätzchen, das nach der Wende niemand haben wollte und das schließlich auf Umwegen nach Ehmkendorf wanderte. Es steht neben dicken Holztischen, uralten Küchengeräten und Regalen, die mit selbst gemachten Marmeladen, Tees und Kräutermischungen gut gefüllt sind. Als das Dreigang-Menü schließlich fertig ist, bittet die Hausherrin, im blauen Salon Platz zu nehmen. Es gibt Wildkräutersalat, knusprige Kartoffelspalten mit Tomaten, Beinwell-Brennessel-Gemüse und Mozzarella sowie als fruchtig-süßen Abschluss Rhabarber auf Joghurt. Als die Köche ihr Werk verspeisen, sind sie längst zu einer fröhlichen Gemeinschaft geworden, die sich im Gutshaus Ehmkendorf fast wie zuhause fühlt und ein Gespür dafür bekommen hat, was das Leben dort ausmacht.

Weitere Informationen: www.plmv.de

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